Geschichte in Neuauflage: Ikonen des Leuchtendesigns von WOKA

Von etwas Gutem hat man nie genug, lautet ein englisches Sprachwort. Aber den Liebhabern der Leuchtenikonen des frühen 20. Jahrhunderts hatte man jahrzehntelang die Möglichkeit genommen, einige der legendären Leuchten aus der Wiener Werkstätte und dem Bauhaus zu besitzen, da sie schon lange nicht mehr produziert werden. Dies ist die Geschichte von WOKA, dem in Wien ansässigen Hersteller, der es sich zum Ziel gemacht hat, eine bedeutende Phase in der Geschichte wieder lebendig werden zu lassen.

Sie sind wieder da: Der Wiener Hersteller hat es sich zur Aufgabe gemacht, ikonische Designs aus dem frühen 20. Jahrhundert wieder herauszubringen. Hier abgebildet ist die Pendelleuchte „Knize 55“ von Adolf Loos

Die Griechen hatten ein Wort dafür. (Natürlich hatten die Griechen viele Wörter.) Peripatetisch – in der Bedeutung von „umherwandeln“, im Gegensatz zum Gehen mit einem klaren Ziel vor Augen.
Aristoteles soll viele seiner philosophischen Erkenntnisse und Weisheiten bei seinem Umherwandeln im Lykeion von Athen vermittelt haben. Große Augenblicke kreativen Denkens und Handelns entstehen dann, wenn man weniger begangene Wege nimmt – so könnte man argumentieren.

 

Wolfgang Karolinsky startete seine „peripateia“ zunächst als Komponist, aber einige Jahrzehnte später leitet er ein ganz besonderes Unternehmen, das edle Designerstücke herstellt und in die ganze Welt verkauft. Er ist Eigentümer und CEO von WOKA, einem in Wien ansässigen Unternehmen, das im Alleingang einige der bedeutendsten Beispiele des Leuchtendesigns aus dem frühen 20. Jahrhundert einem neuen Publikum zugänglich gemacht hat, und damit ist er angekommen.

WOKA besitzt die Herstellungsrechte für über 200 Leuchten, darunter solche aus der Wiener Werkstätte und dem Bauhaus. Hier zu sehen ist Koloman Mosers „Floege“ von 1904 (ganz oben) und Josef Hoffmanns Wandleuchte „Damensalon“ von 1903 (oben)

Während seines Studiums an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien entdeckte der junge unternehmerisch denkende Karolinsky ganz andere Harmonien, als er mit alten Designerstücken zu handeln begann, hauptsächlich Möbelstücke aus der Zeit der Jahrhundertwende von Österreichs berühmtem kreativen Sohn, dem Architekten und Designer Josef Hoffmann. Das Unternehmerische war für Karolinsky schon immer untrennbar mit seiner Leidenschaft für Design verbunden; er begann Teil der Geschäftswelt zu werden, forschte aber zugleich auch viel in Bibliotheken und vertiefte sich in die Geschichte des Design. Das Ergebnis: Ein umfangreiches Archiv mit über 7.500 Bildern, die fast 100 Jahre von Produktionen aus Holz, Metall, Keramik und Glas umfassen und alle von Karolinsky selbst fotografiert wurden.

Der WOKA-Chef Wolfgang Karolinsky beschäftigt in seiner Wiener Werkstatt ein talentiertes Team aus Designern und Kunsthandwerkern, die originalgetreu einige der wegweisenden Arbeiten im Bereich des Leuchtendesigns des letzten Jahrhunderts herstellen

Nachdem sich Karolinsky als Experte für die Arbeiten von Hoffmann und seinen Zeitgenossen aus der berühmten Wiener Werkstätte – dem Wiener Kollektiv aus Architekten, Designern und Künstlern, die eine neue, protomoderne Sprache in den angewandten Künsten einführten – etabliert hatte, nahm sein Leben eine neue Wendung, als er eine Sammlung von Originalleuchten aus dieser Zeit erwarb. „Ich kaufte eine riesige Sammlung in den 1970er-Jahren, deren Teile ich vertrieb“, erklärt Karolinsky. „Und um diese Antiquitäten aufzubereiten, musste ich die richtigen Kunsthandwerker finden.“ Das unmittelbare Erleben dieser Arbeit brachte ihn auf eine Idee. Wenn man die aufgearbeiteten Leuchten verkaufen kann, warum produziert man diese Schätze der Designgeschichte nicht auch neu? „Über die Restaurierung der Originalleuchten kam ich zur Herstellung.“

Karolinsky möchte bewusst nur mit einem kleinen Team arbeiten, um alle Aktivitäten des Unternehmens direkt überblicken zu können und sicherzustellen, dass die Qualität der handgefertigten Produkte von WOKA dauerhaft hoch bleibt

Wenn sich Geschichte wiederholt, ist das meist nicht begrüßenswert. Im Fall von Karolinsky und seinem Unternehmen WOKA, das sich seit Jahrzehnten der qualitätvollen Neuauflage klassischer Leuchtendesigns nicht nur aus der Wiener Werkstätte, sondern auch aus dem Bauhaus und dem französischen Art Deco widmet, ist das sehr zu begrüßen. Handwerkliches Können ist die Basis; Karolinsky und sein Team unternehmen alles, damit jedes Teil, das ihr Atelier verlässt, so wie das Original hergestellt wurde. „In unserer Werkstatt arbeiten wir mit denselben Herstellungstechniken wie die Wiener Werkstätte in der Zeit von 1903 bis 1932“, sagt Karolinsky. „Wir sind 20 Leute hier und das reicht. Wir wollten nie ein großes Unternehmen werden, sondern ein Unternehmen, das Qualität liefern kann.“

 

WOKA besitzt die Herstellungsrechte für Werke berühmter Designer. Abgebildet ist „BIL1/50“, eine Pendelleuchte aus der Wiener Werkstätte (ganz oben), Josef Hoffmanns Wandleuchte „JH1“ (Mitte) und die „Bauhaus Office 1“ Standleuchte (oben)

Die Liste der Designer, für deren Arbeiten WOKA die Herstellungsrechte besitzt, liest sich wie das „Who is Who“ des Wiener Design-Pantheons. Neben Leuchten von Hoffmann und Koloman Moser, stellt das Unternehmen auch beeindruckende Tisch-, Decken-, Wand- und Bodenleuchten sowie Lüster von Adolf Loos, Otto Wagner und Carl Witzmann her. Zweifellos besitzt Karolinsky Unternehmergeist – schließlich ist das Ganze auch ein Geschäft –, aber es ist mehr, die absolute Leidenschaft des Unternehmers für die häufig vergessenen Entwürfe, die er wieder zum Leben erweckt, ist nicht wegzudenken vom Tagesgeschäft des Herstellens und Verkaufens. „Wir besaßen über dreißig Jahre lang die Herstellungsrechte für eine sehr seltsame, sehr frühe Entwurfsarbeit von Josef Hoffmann aus Lockblech“, erzählt er. „Aber niemand wollte diese Leuchte. Mir gefiel sie eigentlich schon die ganze Zeit, weil ich die Gestaltung großartig fand. Hoffmann erfand wirklich die modernen Formen. Erst jetzt beginnen die Menschen, diese Art von Leuchten zu kaufen, die ich über Jahrzehnte aufbewahrt habe. Ein normaler Geschäftsmann hätte die Rechte schon lange abgestoßen.“

 

Ikonen des Leuchtendesigns bei WOKA: „CR1“, Lüster von Josef Hoffmann (ganz oben) und „Brioni“, Deckenleuchte von Adolf Loos (oben)

Die Designarbeiten, die ein zweites Mal, insbesondere nach einer langen Zeit in der Versenkung, zurück auf die Bühne kommen, sind aber auch nicht immer ganz unproblematisch. „Original“, „Neuauflage“, „Reproduktion“. Natürlich könnte man dahinter semantische Spitzfindigkeiten vermuten, aber es lohnt sich, sich mit jedem dieser Begriffe auseinanderzusetzen. Ab wann ist ein klassisches Design nicht mehr eine originalgetreue Wiederholung, wenn man einige Modifikationen vorgenommen hat, die entweder technisch bedingt sind oder einem veränderten Geschmack oder veränderten Anforderungen der Verbraucher geschuldet sind? Für Karolinsky, dessen Unternehmen die Herstellungsrechte für über 200 Produkte besitzt, ist es nicht immer leicht, die Menschen gewissermaßen von der Echtheit seiner Unternehmung zu überzeugen, aber dennoch hat sich in seinen Augen tatsächlich in der Wahrnehmung seiner Produkte einiges geändert. „Am Anfang dachten die Leute häufig, ich würde Fälschungen verkaufen“, sagt er. „Sie hatten eine sehr puristische Einstellung. Heute gibt es neue Generationen von Bewunderern dieser Arbeiten, und sie schätzen die Qualität unserer Herstellung. Sie wissen, die Originale stehen in Museen und nicht mehr zum Verkauf.“

WOKA-Leuchten sind wegen ihrer Qualität und Schönheit besonders beliebt bei Architekten und Designern. Abgebildet hier sind die Wiener Staatsoper (ganz oben) und das Sanatorium Purkersdorf in Wien, gestaltet von Josef Hoffmann (oben)

Aber wie entscheidet Karolinsky, in welchem Umfang ein altes Design modifiziert werden kann? „Versuch und Irrtum. Bei uns arbeitet ein Team junger Designer für WOKA, und sie nehmen kleine Veränderungen vor. Sie haben einen alten Entwurf von Adolf Loos und verändern beispielsweise die Farbe des Kabels. Wenn es darauf positive Reaktionen gibt, behalten wir die Änderung bei. Wenn nicht, kehren wir zur Vorgabe des Originals zurück.“ Dieser Ansatz, der die Reaktion des Marktes mit einbezieht, hat das Unternehmen sehr vorangebracht. Wir produzieren in kleinen Stückzahlen immer die Leuchte, für die eine Bestellung vorliegt, und stellen dabei ein paar mehr her, als der Auftraggeber bestellt hat. Die Überzähligen kommen ins Lager und können dann zügig für den nächsten Auftraggeber angepasst werden. Fast ein Dutzend verschiedene Ausfertigungen werden angeboten.

Besondere Projekte bieten das perfekte Umfeld für WOKA-Leuchten: die Gebäude für die Wiener Stadtbahn von Otto Wagner (ganz oben) und der Harry-Winston-Salon bei Harrods in London (oben)

Mit dieser dynamischen und flexiblen Arbeitsweise in Kombination mit einem umfangreichen Produktangebot hat sich WOKA zu einem Unternehmen entwickelt, das auch weit über die deutsche Sprachgrenze hinaus bekannt ist. Über 90% der Produkte werden exportiert, und die derzeitig wichtigsten Märkte sind die USA und Großbritannien, das selbst wiederum zum Tor nach Russland und in den Nahen Osten geworden ist, da, wie Karolinsky es auf den Punkt bringt, „sie britische Innenarchitekten lieben“. Während das Unternehmen zunächst hauptsächlich an Wiederverkäufer lieferte, erkannte es mit dem Aufkommen des Internets sehr schnell dessen Vermarktungsmöglichkeiten und verkauft heute auch direkt an Endkunden sowie an Architekten, Planer und Projektmanager. Insbesondere Architekten schätzen die Ästhetik und Qualität der Leuchten von WOKA, und den Beweis dafür liefern zahlreiche besondere und edle Innenraumgestaltungen, für die die Leuchten speziell hergestellt wurden. Von den legendären Gebäuden und Innenraumgestaltungen in Wien nach den Entwürfen von Hoffmann und Loos, wie das Sanatorium Purkersdorf und die American Bar, bis zum Gild Hall Hotel in New York und zum Bahnhof Amsterdam Centraal – in einigen der berühmtesten und edelsten Räume weltweit wurden die besten Leuchten aus der Wiener Werkstätte, dem Bauhaus und dem Art Deco installiert.

WOKA CEO, Wolfgang Karolinsky: 'In unserer Werkstatt arbeiten wir so, wie auch in der Wiener Werkstätte gearbeitet wurde. Wir wollten nie ein großes Unternehmen sein, sondern ein Unternehmen, das Qualität liefern kann.'

Damit ist die Mission erfüllt, könnte man meinen – aber weit gefehlt. Sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, ist definitiv nichts für Karolinsky. Gewissermaßen als Wächter des Handels mit einem wertvollen Teil der Designgeschichte ist er beständig auf der Suche nach neuen alten Leuchten, um sie in seine WOKA-Sammlung zu integrieren. „2013 haben wir bereits 34 weitere Produkte auf die Website gestellt, das letzte erst vor kurzem“, erzählt er stolz. „Es ist der berühmte Adolf-Loos-Tisch aus dem Jahr 1908 für die American Bar in Wien. Hinzu kam auch eine Straßenlaterne aus Glasgow von Charles Rennie Mackintosh sowie die Fifth Avenue Lamp von Hoffmann für den Ausstellungsraum der Wiener Werkstätte in New York. Es gibt noch so viel, das ich gerne produzieren möchte, aber das braucht noch ein paar Jahre.“ Ein weites Feld, aber eins ist klar, Karolinsky ist auf dem Weg.  

Link zum vollen Artikel in Architonic: http://www.architonic.com/de/ntsht/geschichte-in-neuauflage-ikonen-des-leuchtendesigns-von-woka/7000817