Die Bewegung der Secession

Die Wende vom 19. zum 20. Jh. ist in Österreich einerseits von einer entschiedenen Ablehnung der künstlerischen Verflachung durch Massenkunst und Oberflächlichkeit geprägt, andererseits bekannte man sich zur Qualität eines Hans Makart, forderte aber die stete Erneuerung und Auffrischung. Bewußt orientierte man sich an den aktuellen Entwicklungen in England, Frankreich, Belgien und Deutschland. Diese Umbruchsphase, die in den 90er Jahren in Wien u. a. durch die Gründung der Secession (1897) eingeleitet wurde, war die Basis für eine rasche und eigenständige Entwicklung, die große internationale Bedeutung erlangen sollte. Vorbilder der Wr. Secession waren die Münchner (1892) und die Berliner (1893) Sezession. Ihre Ambitionen richteten sich gegen den Konservatismus an den Hochschulen und sollten eine Alternative zu den traditionellen Kunstvorstellungen des Wr. Künstlerhauses darstellen. Zu den neuen Idealen zählte nach englischem Vorbild (Arts and Crafts) auch die Hinwendung zum Handwerk (Qualitätsarbeit in geringer Stückzahl) sowie der Versuch einer Koordination industrieller und handwerkl. Produktion. Malerei, Architektur und Kunsthandwerk sollten erneut in einem engen, formalen und geistigen Zusammenhang stehen, der nicht durch industrielle Großproduktion bestimmt war. Ziel war das Gesamtkunstwerk unter der Führung der Architektur. Die Zentren der Donaumonarchie wurden zu den Umschlagplätzen der neuen Ideen. Während Prag, Budapest und Laibach Einflüsse (etwa aus Paris, Brüssel oder Berlin) sehr direkt aufnahmen und den Gestaltungsformen des J. ein starkes nationales Kolorit gaben, entwickelte sich in Wien durch den regen Zustrom von Kunstschaffenden aus allen Teilen der Monarchie eine "international" gefärbte Ausdrucksweise. Anders als in den westl. Ländern gab es in Wien keinen ausschließlichen Vertreter des floralen Jugendstils. Die für die Architektur bestimmende Schule Otto Wagners vertrat eine strengere, zum Teil klassizistisch anmutende Linie. Einflüsse dazu kamen u. a. aus der anonymen Architektur der Mittelmeerländer. Die hierorts bevorzugte geometrische Variante des Jugendstil zeichnete sich durch klare, meist symmetrisch angeordnete Baukörper und Öffnungen, strenge Achsen und übersichtl. Raumgliederung aus, oft in Verbindung mit Flachdächern. Auch Josef Maria Olbrichs Secessionsgebäude (1897-98) geht trotz des reichen floralen Schmucks auf diese Vorbilder zurück. Das Ornament behielt vorerst seine Wichtigkeit für die Außengestaltung: Es artete sogar häufig (insbes. in vielen unausgeführten Entwürfen der Wagner-Schüler) in üppigen, dekadent anmutenden Reichtum aus. Marmor, Glas, Majolika, Fliesen, Metallapplikationen, bunter Stuck, Vergoldungen sowie andere wertvolle Materialien dienten der äußeren Veredelung des Baukörpers. Zu den Hauptwerken des Secessionismus in Wien zählen im Bereich der Architektur neben dem Secessionsgebäude von Olbrich Otto Wagners Stadtbahnarchitektur, seine Wohnhäuser an der Wienzeile Majolikahaus (1899), die Kirche am Steinhof (1904-07), weiters das Geschäftshaus Portois & Fix (1899) von Max Fabiani, das Haus Brandstätte 6 von Josef Plecnik(1903-05) sowie zahlr. Villen etwa von Otto Schönthal, Robert Oerley und Emil Hoppe. Dem neuen Bewußtsein der Architektur als der führenden Kunstform entspricht auch ein neues Selbstbewußtsein des Architekten, das sich im Anspruch auf vielseitige Tätigkeit zeigt. Nicht der nackte Baukörper allein war das architekton. Ziel, sondern das Gesamtensemble bis hin zur Gartengestaltung, zur Innenausstattung und zum kunsthandwerkl. Detail. Die Gründung der Wiener Werkstätte durch Josef Hoffmann, Kolo Moser und Fritz Wärndorfer 1903, der Wr. Keramik durch Michael Powolny und Berthold Löffler 1906 und der Wr. Mosaikwerkstätte durchLeopold Forstner 1908 sowie das Bestehen anderer spezialisierter Werkstätten, wie z. B. für Glasmalerei C. Geylings Erben vereinfachten den Weg vom Entwurf zur Ausführung und garantierten so die beste Verarbeitung. Neben der Steinhofkirche von Otto Wagner gilt als zweites monumentales Gesamtkunstwerk dieser Zeit das Palais Stoclet (1905-11) in Brüssel, in welchem unter der Führung des Architekten Josef Hoffmann namhafte Künstler, darunter Gustav Klimt , Leopold Forstner, Richard Luksch oder Franz Metzner gem. mit kunstgewerbl. Werkstätten ein Ensemble höchster Vollendung schufen. Richtungweisend für die Architekturentwicklung im 20. Jh. wurde Adolf Loos , der in zahlr. Aufsätzen und durch eig. Beispielgebung gegen jegliches Ornament und für funktionelle, "funktionierende" Architektur eintrat. Die noble Nüchternheit und vornehme Strenge des Außenbaus wurde im Inneren durch erlesene Materialien wie Marmor, seltene Hölzer und Edelmetalle in bester handwerkl. Verarbeitung veredelt. Zeugnisse seiner Tätigkeit sind das Café Museum (1899), die Kärntner Bar (1907) das Geschäftshaus für Goldman & Salatsch am Michaelerplatz (1909-11) und mehrere Geschäftsportale und Einrichtungen in Wien sowie Villenbauten im gesamten Bereich der Monarchie. Wie in der Architektur trat Loos auch im Bereich des Kunstgewerbes für praktische, nützliche Einfachheit und beste Materialien ein. Statt des unnötigen Zierrats und Dekors sollte das Material selbst, etwa die Holzmaserung, sprechen. In engem Zusammenhang mit der Architektur und dem Kunstgewerbe stand die Skulptur des J. Für eigenständige Freiplastiken gibt es nur wenige Beispiele, wie etwa den Mozart-Brunnen (1905) von Karl Wollek oder den Karl-Borromäus-Brunnen (1909) von Josef Engelhart und Josef Plecnik in Wien. Die Vielzahl der Werke entstand als Bauplastik oder als Kleinplastik mit kunstgewerbl. Charakter. Zu den bedeutendsten ö. Bildhauern dieser Zeit zählten u. a. Franz Barwig , Josef Engelhart, Anton Strasser , Franz Metzner, Karl Wollek, Richard Luksch und Michael Powolny. Die Gründung der Wr. Secession und insbes. die Errichtung ihrer Ausstellungshalle brachte der Kunstszene eine Alternative zu den konservativen Richtlinien des Künstlerhauses und die Möglichkeit, ein breites Publikum zu erreichen. Nicht nur die Mitglieder der Vereinigung, sondern auch zahlr. ausländische Künstler (u. a. C. Meunier, Max Klinger, Auguste Rodin, Ferdinand Hodler, Charles Rennie Mackintosh) konnten hier ihre Arbeiten präsentieren. Wortführer und erster Präsident wurde Gustav Klimt. <Gruppenphoto mit den Mitgliedern der Wiener Secession anläßlich der XIV Ausstellung 1902. Von Links nach rechts: Anton Stark, Gustav Klimt (sitzend), Kolo Moser (vor Klimt, mit Hut), Adolf Böhm, Maximilian Lenz, Ernst Stöhr (mit Hut), Wilhelm List, Emil Orlik (sitzend), Maximilian Kurzweil (mit Kappe), Leopold Stolba, Carl Moll (lehnend), Rudolf Bacher. 1900 kam es zu einer weiteren Loslösung einer Gruppe von Künstlern aus der Künstlerhaus-Vereinigung und zur Gründung des Hagenbundes . 1902 eröffnete dieser sein eig. Ausstellungsgebäude, die von Josef Urban errichtete Zedlitzhalle. Das verbesserte Angebot an Ausstellungsmöglichkeiten trug wesentlich zur freien Entfaltung auch der Malerei bei. Anders als das von der Architektur relativ stark abhängige Kunstgewerbe oder die Bildhauerei konnte sich die Malerei eigenständig weiterentwickeln. Künstler wie Gustav Klimt, Carl Moll, Wilhelm Bernatzik , F. v. Myrbach , Josef Engelhart, Egon Schiele, Rudolf Jettmar , Maximilian Kurzweil , Wilhelm List, Kolo Moser, Franz Matsch, Oskar Kokoschka , Ferdinand Andri , Ludwig Heinrich Jungnickel , Alfred Roller , Remigius Geyling , Leopold Forstner prägten Malerei und Graphik des Jugendstil in Ö. Der Beschäftigung mit impressionistischer (Gustav Klimt, Carl Moll, W. Bernatzik) oder symbolistischer (Rudolf Jettmar) Formensprache stehen v. a. in den Reihen der jüngeren Künstler erste expressionistische Versuche (Egon Schiele, Richard Gerstl , Oscar Kokoschka) gegenüber. Von Jänner 1898 bis Oktober 1903 erschien als Organ der Wr. Secession Ver Sacrum, die bedeutendste österreichische Zeitschrift des Jugendstils. Große Bedeutung kam dem dekorativen Charakter des Bildes zu. Figürliches, florales oder geometrisch-abstraktes Ornament diente häufig als Flächendekor. Die Anlehnung etwa an japanische Farbholzschnitte ist insbes. in der Graphik zu bemerken. Wichtige Aufgabenbereiche der Graphik wurden Werbung und Plakat, Illustration und Buchmalerei sowie Schrift- und Textilgestaltung. Bedeutende österreichischer Künstler wie Alfred Roller oder Richard Teschner waren auch mit großem Erfolg im Theaterbereich mit Entwurf und Gestaltung von Bühnenbildern und Kostümen beschäftigt. Das Ende des Jugendstils in Österreich markieren der 1. Weltkrieg und der Zusammenbruch der Monarchie. 1918, das Jahr des Kriegsendes, war auch das Todesjahr von 4 der größten Künstler des Jugendstils, Otto Wagner,Gustav Klimt, Kolo Moser und Egon Schiele.  Das Gebäude der Secession Die Planung: Bereits in der Gründungsversammlung der "Vereinigung Bildender KünstlerInnen Österreichs Wiener Secession" zählte die Errichtung eines eigenen Ausstellungshauses zu den programmatischen Anliegen. Die Secessionisten beauftragten den kaum 30jährigen Architekten Joseph Maria Olbrich, damals Mitarbeiter im Atelier von Otto Wagner, mit den Entwürfen zu dem Bau, der ein Schlüsselwerk des Wiener Jugendstils werden sollte. Ein Grund an der Ringstraße war ursprünglich als Bauplatz vorgesehen. Olbrichs Entwürfe ernteten jedoch im Wiener Gemeinderat heftige Proteste. Erst nach der Verlegung des Bauplatzes in die Friedrichstraße bewilligte der Gemeinderat die "Erbauung eines provisorischen Ausstellungspavillons auf die Dauer von längstens zehn Jahren" (Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 17. November 1897). Die für den Bau nötigen Geldmittel wurden zum Teil von Mäzene, vor allem dem Industrielle Karl Wittgenstein zur Verfügung gestellt, zum Teil aus dem Erlös der I.Ausstellung in der k.k. Gartenbaugesellschaft gewonnen. Die Gemeinde Wien widmete den Baugrund an der Wienzeile. Joseph Maria Olbrich hat das Gebäude in einer zehnmonatigen Planung entwickelt, ihn dabei immer wieder den veränderten Bedingungen angepaßt, überarbeitet und verfeinert. Am 28. April 1898 wurde der Grundstein im Rahmen einer kleinen Feier gelegt. Nur sechs Monate danach, am 29. Oktober 1898, war der Bau fertiggestellt. Die Bautypologie Die Secession zeigt im Grund- und Aufriß eine sehr einfache Geometrie. Das Gebäude bedeckt rund 1000m2 Grundfläche und ist über einem zentralisierenden Grundriß errichtet. Für den Eingangs- und Ausstellungstrakt verschränkt Olbrich das Grundmotiv eines Quadrats zu mehreren kreuzförmigen Ordnungen. Aus diesem Grundrißschema wird wiederum der Aufriß und damit die gesamte plastische Gestalt des Gebäudes entwickelt. Beim Außenbau erhält die ungebrochene Fläche überragende Bedeutung. Durch die vielfach geschlossenen Wände wirkt der Bau von außen wie aus massiven Kuben aufgebaut. Die strenge Geometrie wird jedoch von Olbrich nur als genereller Rahmen verwendet, den er mit geschwungenen Linien, Kurvaturen und Überschneidungen umspielt. Olbrich gliedert das Gebäude in "Kopf" und "Leib", in den "repräsentativen" Eingangsbereich und den "funktionalen" Ausstellungstrakt. Der Eingangsbereich wird von hermetischen Blöcken flankiert und von vier Pylonen überragt, welche die Kuppel umfassen. Der Ausstellungsraum ist nach basilikalem Schema in ein erhöhtes Mittelschiff, zwei niedrigeren Seitenschiffen und einem abschließenden Querschiff gegliedert; er ist fast zur Gänze mit zeltartigen Glasdächern überdeckt, die dem Innenraum gleichmäßiges Licht geben. Der Lorbeer ist das dominierende symbolische Element am fertigen Bau. Er findet sich auf den Pilastern des Vordertraktes und der Eingangsnische wieder, er zeigt sich an verschiedenen Kranzmotiven an der Seitenfassade und er überragt das Gebäude in der aus 3000 vergoldeten Blättern und 700 Beeren bestehenden Kuppel. Den Eingangsbereich zieren außerdem drei Gorgonenhäupter, die die architektonischen, bildhauerischen und malerischen Künste repräsentieren. An den Seitenfronten befinden sich von Joseph Maria Olbrich (nach Entwürfen von Kolo Moser) selbst gestaltete Eulen. Gorgonen und Eulen sind das Symbol der Pallas Athene, der Göttin der Weisheit, des Sieges und der handwerklichen Künste. Joseph Maria Olbrich verband den Bau mit einer symbolischen Zeichensprache, die hier eine neue und unakademische Anwendung fand. Zeitgenössische Kritik Der Bau der Secession, heute ein Höhepunkt jeder Wienreise, wurde um die Jahrhundertwende vor allem mit Spott bedacht. Der Bau wurde als "Tempel für Laubfrösche", "Tempel der anarchischen Kunstbewegung", "Mausoleum", "Ägyptisches Königsgrab", "Grabmahl des Mahdi" und "Krematorium", die Kuppel als "Krauthappl", der gesamte Bau als "Zwittergeburt von Tempel und Magazin" und "Kreuzung zwischen einem Glashaus und einem Hochofen" bezeichnet. Die Entwürfe von Leuchten respektive Lampen des Josef Hoffmann, Kolo Moser, Adolf Loos, Künstlern der Wiener Werkstaette und anderen Künstlern aus dem Umkreis der Secession werden von WOKA LAMPS VIENNA in Wien in Handarbeit hergestellt.