Adolf Loos

1870 - 1933

Adolf Loos nimmt einen besonderen Platz in der Wiener und somit auch in der internationalen Architektur ein.

Loos besuchte die Staatsgewerbeschule in Reichenberg, bevor er 1890 sein Studium an der Technischen Hochschule in Dresden aufnahm. Die Jahre 1890 - 1896 können als "Reisejahre" bezeichnet werden, hielt sich Loos doch in Dresden, London und Paris auf, weiters verbrachte er drei Jahre in den Vereinigten Staaten. 1896 kehrte er nach Europa zurück und ließ sich in Wien nieder.

Ab 1897 veröffentlichte er viele theoretische Beiträge in Wiener Architekturzeitschriften. Für Loos war die Architektur von Anfang an keine isoliert im Leben stehende Kunst, sondern ein wesentliches Mittel, dem Menschen ein zeitgemäßes, also wirklich modernes Leben zu ermöglichen.

Als sogenannter "Moderner", stand er Zeit seines Lebens in starkem Widerspruch zu Josef Hoffmann, dessen in späteren Jahren entwickelten Formenreichtum er unentwegt geißelte. Als einer der entscheidendsten Auffassungsunterschiede zwischen Adolf Loos und Josef Hoffmann kann die klare Unterscheidung zwischen Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand wie sie Loos vertritt, gelten. Im krassen Gegensatz hierzu stand die Auffassung Josef Hoffmanns und der Wiener Werkstätte vom "Gesamtkunstwerk", das Kunst und Handwerk auf einer Ebene verband. Die radikale Verfechtung seiner Thesen und der polemische Artikel "Die Potemkinsche Stadt" führten schließlich zum Bruch mit den führenden Architekten der Wiener Secession: Josef Hoffmann undJosef Maria Olbrich.

Zu der zentralen europäischen Architektenpersönlichkeit wurde Loos gleichermaßen durch seine Theorie ("Ornament und Verbrechen"), wie durch seine in fünf Ländern gebaute Lebensphilosophie.

Loos vertraute auf die Zukunft durch die Industrie, wovon er durch seine Reisen nach Amerika einen bleibenden Eindruck bekommen hatte. Er war davon überzeugt, daß auf diese Weise die Vergangenheit mit der Zukunft verbunden werden konnte. Loos empfand somit die einfache Maschine als ein Beispiel für pures Design, da ihre Form und Funktion gleichbedeutend sind.

Die Bauten Loos' waren für den Geschmack der Wiener Bürger und Bürgerinnen nach 1900 weniger ansprechend als es die Ideen der Wiener Werkstätte waren, weshalb Loos die Anerkennung, auch von offizieller Seite längere Zeit versagt blieb.

Ab 1903 war Loos Geschäftsführer Stilmöbelfirma Friedrich Otto Schmidt im Palais Breuner, Wien 1, Singerstrasse 16, dem heutigen Firmensitz von WOKA LAMPS VIENNA. Bekanntheit erreichte Adolf Loos durch den Umbau des Café Museum in Wien, das aufgrund der kargen Schmucklosigkeit den Spitznamen "Café Nihilismus" bekam. Zu den Aufträgen von Adolf Loos zählten Villen außerhalb des Zentrums von Wien, ebenso wie die Inneneinrichtung der Geschäfte Ebenstein und Knize und die "American Bar" in der Wiener Innenstadt. Bei der "American Bar" handelt es sich um ein kleines, durch Spiegel geschickt geweitetes Lokal. Aus dem Jahre 1910 stammt der Entwurf eines der bekanntesten Werke von Adolf Loos, des Hauses Hugo und Lilly Steiner, Wien XIII, St. Veitgasse 10. Aus ebendiesem Hause stammen die Lampen mit der WOKA-Bezeichnung: LST1, LST2 und LST3.

Von 1897 bis 1931 errichtete Loos etwa 128 Wohnungen, Geschäfte oder Häuser, davon den weitaus größten Teil in Wien. Als eines der wichtigsten Gebäude Loos' in der Wiener Innenstadt zählt das sogennante Haus ohne Augenbraue", auch genannt Looshaus, das für die Firma Goldmann & Salatsch in den Jahren 1909-1911 errichtet wurde. Die Fassade des Hauses verdeutlicht die Trennung zwischen Geschäfts- und Wohnbereich. Während der untere Teil durch Cipollino-Marmorverkleidung und Säulenstellung prächtig und kostbar gestaltet ist, wurde der obere Teil in strenger und reduzierter Form ausgeführt und schlicht kalkverputzt. Die Fenster waren ohne jede Rahmung, weshalb das Gebäude auch den eigenwilligen Namen erhielt.

In den Jahren 1917/18 leistet Loos den Kriegsdienst für Österreich - Ungarn. Mai 1921 wurde er Chefarchitekt des Siedlungsamtes der Stadt Wien. 1922 übersiedelte Adolf Loos nach Paris. Er hielt Vorträge an der Sorbonne und realisierte das Wohn- und Atelierhaus des Dadaisten Tristan Tzara.

1928 entwarf er für Josephine Baker ein Eckhaus mit einer Verkleidung aus schwarzen und weissen Marmorstreifen; das Projekt wurde nicht realisiert. Zu den bedeutendsten Bauten des Loosschen Spätwerkes zählen das Haus Moller in Wien und das Haus Müller in Prag, deren Wirkung er erneut aus der Spannung von edlem Material und strenger Form entwickelte.

Werkeverzeichnis chronologisch:

Tailorshop Ebenstein Vienna Austria 1897, Gedächtniskirche St.Elisabeth Vienna Austria, Theater für 4000 personen Vienna Austria, Herrenmodesalon Goldman & Salatsch Vienna Austria 1903, Haberfeld Vienna Austria 1899, Café Museum Vienna Austria 1899, Turnowsky Vienna Austria 1900, Wiener frauen-club Vienna Austria 1900, House in Brünn Brünn Czech 1900, Wechselstube Czjzek Vienna Austria, Leopold Langer Vienna Austria 1903, Sobotka Vienna Austria 1904, His own apartment Vienna Austria 1903, Villa Karma Vevey Switzerland 1906, Elisa Reitler Vienna Austria 1903, Sangata Clarens Switzerland, Allgemeine verkehrsbank Vienna Austria, Weiss Vienna Austria 1904, Aufricht Vienna Austria 1905, Branch Allgemeine Verkehrsbank Vienna Austria 1904 Villa Chance Vevey Switzerland 1906 Berg house Lausanne Switzerland Kraus Vienna Austria 1905 Theater für 4000 II Vienna Austria Dr. Schwartzwald Vienna Austria 1905 Schmuckfedergeschäft Steiner Vienna Austria 1907 Kärntnerbar Vienna Austria 1908 Looshaus Vienna Austria 1911 Knize Vienna Austria 1913 Doppelhalle villa Steiner Vienna Austria 1910 Stoessel Vienna Austria 1912 Horner Vienna Austria 1912 Scheu Vienna Austria 1913 Bauleitungshütte Semmering Austria Buchhandlung Manz Vienna Austria 1912 Direktorsvilla Rorbach Czech 1918 Anglo-Österreichische Bank II Vienna Austria 1914 Duschnitz Vienna Austria 1916 Rorbacher Zuckerfabriek Rorbach Czech 1916 Haus mit Rundturm Mandl Vienna Austria 1916 Villa Sapieha Olomütz Czech Strasser Vienna Austria 1919 Terrassenvilla Villa Konstandt Olomütz Slovakia Villa mit Runden Erkern Apartments near Modenapark Vienna Austria Heuberg-siedlung Vienna Austria 1923 Doppelatrium Vienna Austria Palace in Vienna Vienna Austria Palace Bronner Vienna Austria Siedlunghauser Vienna Austria Rufer Vienna Austria 1922 Reitler Vienna Austria 1922 Steiner Vienna Astria Strosz Vienna Austria Landhaus des Arztes Dr H. Gastein, near Saltzburg Austria Twenty villa's Côte d'Azure France Villa Verdier aan de Riviera Le Lavandou France Villa Moissi Lido di Venetia Italy Lancia Kleinwohnungshaus Vienna Austria Winarskyhof (Otto Haas hof) Vienna Austria 1923 Spanner Rotes Mäuerl Austria 1924 Villa Plesch Croissy-sur-Seine France Haus mit drei Dachterrassen Simon Vienna Austria Tristan Tzara Paris France 1926 Rosenberg Paris France Terrassenwoning Paris France Villa Josephine Baker Paris France Villa Moller Vienna Austria 1928 Brummel Pilsen Czech 1929 Villa Müller Prague Czech 1930 Landhaus Paul Khuner Payerbach Austria 1930 Bojko Vienna Austria Würfelhaus Gärtnerhaus Khuner Kreuzberg Austria 1930 Vogel Pilsen Czech 1929 Haus Victor Ritter von Bauer Brno Czech 1930 Sanatorium Esplanade Karlsbad Czech 1931 Einfamilienhaus Vienna Austria Siedlungs-Doppelhaus Vienna Austria 1932 Lobmeyr Glasservice Vienna Austria 1931 Kleinwohnungshaus Prague Czech Semler Pilsen Czech 1932 Villa Winternitz Praag-Smichof Czech 1932 Einfamilien-Doppelhaus Vienna Austria Jordan Brno Czech Dr Fleischner Haïfa Israël Babi Nachod Czech 1931 Ordination Dr Teichner Pilsen Czech 1931 Das letzte Haus (first model) Prague Czech Das letzte Haus (second model) Prague Czech

Adolf Loos starb in Wien im Jahre 1933.

Friedrich Achleitner über Adolf Loos, 2002: Der missverstandene Unversöhnliche Adolf Loos war nicht nur Architekt, sondern auch ein genialer "Sprachmensch"

Adolf Loos, der wortgewaltige Verkünder, Kritiker und Moralist, Satiriker, Verehrer der Brüder Grimm, Freund Karl Kraus' und Peter Altenbergs, Förderer von Oskar Kokoschka und Kämpfer für den Neutöner Schönberg, Kitschsammler, Reformer von Bekleidung und Küche, siedlerbewegter Bonvivant und Antikunstgewerbler etc. etc. ist wahrscheinlich dafür mitverantwortlich, dass heute oft mehr gelesen wird, was Architekten schrieben, statt bei ihren Bauten nachzuschauen. Loos zu lesen ist immer ein Vergnügen, obwohl man sich weniger um seine "Wahrheiten" kümmern sollte als um die Art, über Stadt, Kultur, Gesellschaft, Kunst und Architektur nachzudenken. Etwa sein Aufsatz Der Sattlermeister ist nicht nur eine Satire von Nestroyschem Format, sondern auch ein faszinierendes Modell für die Darstellung kultureller Probleme. 1870 in Brünn als Sohn eines Steinmetzen geboren und neben (oder in?) der Werkstatt seines Vaters aufgewachsen, gehörte zwar der Generation der Erben der Gründergeneration an, aber er verfügte nicht wie viele seiner Zeitgenossen der Wiener Gesellschaft (etwa Karl Kraus) über ein Vermögen, das er nach seinem Gutdünken ausgeben oder verbrauchen konnte. Im Gegenteil, er wurde nach einem Konflikt mit seiner Mutter (er war Halbwaise) praktisch enterbt und ging so als 23-Jähriger zu einem Onkel nach Amerika, um sich dort drei Jahre lang mit allen möglichen Beschäftigungen (vom Tellerwäscher und Komparsen bis zum Journalisten) durchzuschlagen. Mehr als die Bauten der im Zenit stehenden "Schule von Chicago" beeindruckte ihn offenbar die amerikanische Kultur - europäisch ausgedrückt, der Standard der Zivilisation - sodass er nach seiner Rückkehr nach Österreich in Wien eine Art fundamentaler Kulturkritik auf breitester Basis eröffnete. Er kritisierte nicht nur das damals neu aufblühende Kunstgewerbe, sondern auch die Tischsitten, die Wiener Küche, das Schuhwerk, die Bekleidung und vor allem das Vordringen der Kunst in den Alltag einer Großstadt. In Wien wurde er schockartig mit einer "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" konfrontiert, die kulturellen Zustände der Klassen und Stände trennten nach seiner Anschauung oft Jahrhunderte, sodass er sich bald genötigt sah, DAS ANDERE. Ein Blatt zur Einführung abendländischer Kultur in Österreich (1903) herauszugeben, das allerdings nur zwei Ausgaben erlebte. Er wandte sich vor allem gegen die oberflächliche Ästhetisierung des Lebens, die ihm in allen Bereichen die "Wiener Secession", später die "Wiener Werkstätte" und der "Werkbund" zu verkörpern schien. Maßstab war ihm einerseits das zum Teil von diesen Strömungen unberührte oder gefährdete Handwerk, andererseits aber auch der vorurteilslose Gebrauch der Güter des Fortschritts im amerikanischen Alltag. Karl Kraus eröffnete zu dieser Zeit seinen "Feldzug" gegen den Missbrauch der Sprache durch den Journalismus mit einer ähnlich moralisierenden Position und vor allem mit einer unerbittlichen und unnachahmlichen satirischen Schärfe. Karl Kraus war auch gerade dabei, den Großmeister des Wiener Volkstheaters, den abgründigen satirischen Dialektiker der Metternich-Ära, Johann Nepomuk Nestroy, wiederzuentdecken, sodass Adolf Loos, auch von seinen Anlagen her ein genialer Sprachmensch, sicher in diesem Milieu die Instrumente für seinen privaten, aber öffentlich geführten Kulturkampf finden konnte. Dass Adolf Loos nicht nur ein anerkannter, wenn auch sehr umstrittener Architekt, sondern eine zentrale Figur des Wiener Kulturlebens war, beweisen die Absender der zahlreichen Grußadressen zu seinem 60. Geburtstag mehr als ein langer Beschreibungsversuch seiner gesellschaftlichen Position: Neben den wenigen Architekten Josef Frank, Bohuslav Markalous, Jacobus Johannes Pieter Oud, Gustav Adolf Platz und Bruno Taut findet man vor allem aus Literatur, Musik und Kunst die Namen Hermann Bahr, Anna Bahr-Mildenburg, Alban Berg, Max Brod, Max Eisler, Ludwig Ficker, Gustav Glück, Johannes Itten, Julius Klinger, Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Mechthilde Lichnowsky, Maurice Maeterlinck, Karin Michaelis, Alfred Polgar, Ezra Pound, Marcel Ray, Richard von Schaukal, Robert Scheu, Helene Scheu-Riesz, Arnold Schönberg, Rudolf Serkin, Otto Stoessl, Max Thun-Hohenstein, Tristan Tzara, Anton Webern und Stefan Zweig. Wer Adolf Loos gelesen hat und von seinen Aufsätzen immer wieder in einen gebannten Zwiespalt von Bewunderung und Irritation versetzt wird, trägt zumindest die Erinnerung an erbarmungslose Satiren, ja an einen unversöhnlichen Sarkasmus, aber auch an Verkündungspathos und wenig Selbstironie mit sich, sodass sein architektonisches Werk scheinbar in den Hintergrund tritt. Und wenn sein legendäres Haus am Michaelerplatz nicht in einer faktischen Opposition zur Neuen Hofburg errichtet worden wäre, hätte er vermutlich gar nicht so viel darüber geschrieben, als ihm von der empörten Öffentlichkeit abgenötigt wurde. Adolf Loos, der nie behauptet hat, dass Ornament Verbrechen sei (man sehe sich seine Arbeiten an), ist vielleicht der missverstandenste Architekt der Wiener Architektur. Geschieht ihm schon recht, könnte man wienerisch höhnen, warum hat er so viel geschrieben. Sogar sein Hauptwerk, das "Looshaus" am Michaelerplatz, ist vielleicht gar nicht sein Hauptwerk und sollte nicht nur im Kontext des "Fortschritts der Moderne" gelesen werden. Es ist in erster Linie ein gewichtiger Kommentar zur Wiener Kultur der Jahrhundertwende, ein Monument des Schweigens und Andeutens, der verschlüsselten Botschaften, ein Dialog mit der Geschichte der Stadt, politisch und kulturell, soweit man beides trennen kann. Adolf Loos' architektonisches Vermächtnis bleibt vermutlich der Raumplan, ein Thema der Raumkunst, das er in das Bewusstsein des 20. Jahrhundert hineingetragen hat. Ein archaisches Thema, schon in Knossos oder beim Erechteion hoch entwickelt, das zu seiner Zeit einen gewaltigen Fortschritt in der räumlichen Organisation des modernen Hauses darstellte und das über die Werkbundsiedlung ein Thema im engagierteren Wiener Wohnbau geblieben ist. Oder sein zu seiner Lebensführung konträr stehendes soziales Engagement in der Siedlerbewegung mit dem Ziel, über ein extrem ökonomisches Raumdenken dem Arbeiter den Luxus bürgerlichen Wohnens zugänglich zu machen. Oder die Rolle des Architekten als praktischer Berater, Architektur als Dienstleistung; das klingt eigentlich alles sehr heutig. Vorausgesetzt, man versteht nicht alles, was Bauen ist, ja was gebaut wird, als Architektur. Adolf Loos hat bis zu seinem Tode 1933 von der Tschechoslowakischen Republik eine Ehrenpension erhalten. Sein Haus Müller in Prag ist vorbildlich restauriert und zugänglich. So wie es die österreichische Zweite Republik nicht schaffte, das Wittgensteinhaus zu erwerben, wurde auch das Haus des Tristan Tzara in Paris für unsere Diplomatie als ungeeignet erklärt. Das Wiener Looshaus ist sensibel renoviert und in einem guten Zustand, schade dass der Schriftzug auf der Stirnseite nicht mehr auf die Erbauer, sondern auf die heutigen Eigentümer verweist. Und der geradezu spießige Blumenschmuck ist ein Treppenwitz der Geschichte: Die magistratische Auflage, dass in den verordneten Blumenkistln auch Blumen sein sollen, wurde von Goldman & Salatsch in Solidarität mit dem Autor und mit Architekturverständnis nobel ignoriert, dann vergessen. Jetzt wird die amtliche Verschandelung des Hauses brav befolgt. Wagrein triumphiert. Und Adolf Loos sorgt immer noch für Missverständnisse. (DER STANDARD, Printausgabe vom 9./10. November 2002)

Friedrich Achleitner ist Architekturtheoretiker, Autor und Mitglied der legendären Wiener Gruppe.

Fotos: Karolinsky-Archive